Ein wichtiges Hindernis beim Lernen ist der Unterschied, der Abstand, der sich zwischen Gewusstsein und Bewusstsein auftut. Hegel hat in der Phänomenologie des Geistes auf diesen Unterschied aufmerksam gemacht.
Die sinnliche Wahrnehmung gibt uns nur den Schein des Wissens, das Gewusstsein: „Ich weiss schon, erzähl mal was Neues! Hab ich schon gesehen“. Tourismus basiert auf diesem Effekt. Pekings Verbotene Stadt zu sehen und Pekings Verbotene Stadt zu erleben, sind zwei unterschiedliche Sachverhalte.

Die Angst vor der Mühe, welche die Erzeugung von Wissen bereitet, treibt Menschen dazu, bei der Gewusstheit zu bleiben, damit kann ebenso beeindruckt werden, Dr. Allwissend ist ein geachteter Mann, auch wenn er (oder auch Sie) nicht viel nützliches Wissen anbieten kann. Unsere Medien sind voll von solchen Leuten.
Mir geht es bei einigen Veranstaltungen mit Žižek oder Sloterdijk so: Während ich ihnen zuhöre, bin ich begeistert, bin ich beeindruckt und überwältigt von der Wissensfülle dieser Menschen. Aber schon unmittelbar nach der Veranstaltung ist da nicht mehr viel. Und Veränderungen? Handlungsfähiges Wissen? Noch weniger. Vielleicht ist das ja bei Ihnen anders … Es reicht mir einfach nicht, nur zuzuhören, ich muss die Bücher dieser Leute lesen, ihre Quellen studieren, sehen, was ich für mich herausziehen kann, sie mir aneignen.
Menschen neigen dazu, Sachverhalte, „von denen sie schon mal gehört haben“, von denen sie also wissen, schon wie bewusstes, sprich handlungsfähiges Wissen zu akzeptieren und weiteres Forschen in Bezug auf dieses Wissen einzustellen. Ihr Bedürfnis nach sicherem Wissen lässt sie nicht nur unnötiges Wissen anhäufen, sondern auch sich mit dem Gewusstsein von Sachverhalten zufrieden zu stellen. Menschen neigen dazu, immer Neues zu fordern. In einer Medienwelt, in der jeder Mensch einfachen und sofortigen Zugang zum Schönsten, Schnellsten, Größten, zu allen Sehenswürdigkeiten und Wissensschätzen hat, ohne sich aus dem Fernsehsessel heraus bemühen zu müssen, verliert das mühselige Erringen von Wissen und noch mehr die Umsetzung des Gewussten in handlungsfähiges Wissen schnell an Wert.
Wissen und Glück sind das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt. Was aber geteilt wird, verliert dadurch an Wert, so wie die Produkte der Massenproduktion. Aber genau deshalb ist Wissen auf dem Markt unterbewertet. Einmal gewonnen, lässt es sich einfach vervielfältigen, konsumieren und verbreiten.
Brücken zum Übergang zwischen Gewusstsein und Bewusstsein sind Labilisierungstechniken, sind Verwirrung, Sinnestäuschungen, Widersprüche, Aporien, Paradoxa und das Koan.
In einem guten Seminar wird nicht nur Gewusstsein, Wissen, sondern handlungsfähiges Wissen vermittelt. Dafür lohnt es sich dann auch wieder , sich 10 Jahre mit einem Gedanken zu beschäftigen. Dafür legen Sie, liebe Kunden, ihr Geld sinnvoll an.
Diesen Artikel zu schreiben, zum Beispiel, kostete mich etwa eine Stunde. Wie lange brauchen Sie, liebe Leserinnen und Leser, ihn zu lesen? Wie lange, um den Text zu kopieren und in ein eigenes Dokument einzufügen? Was müssen Sie tun, um das hier gespeicherte Wissen in eigene Handlungen umzusetzen?
Sehen sie?